THEATERBREMEN

Gelungene Premiere: „Ödipus / Antigone“

Regisseur Felix Rothenhäusler inszeniert mit „Ödipus“ und „Antigone“ die zwei bekanntesten Stücke aus Sophokles‘ antikem Dramenzyklus um die Familiengeschichte des Thebaner Herrscherhauses und prüft diese in Kooperation mit dem Autor Jan Eichberg (Fassung) und dem Musiker Matthias Krieg auf den Zusammenhang von Tragik und Komik. Die Titelpartien spielen Mirjam Rast und Johannes Kühn, des Weiteren gehören zum Ensemble Annemaaike Bakker, Bastian Hagen, Siegfried W. Maschek, Verena Reichhardt und Robin Sondermann. Die Premiere war am Samstag, 9. Dezember um 20 Uhr im Kleinen Haus.
Die Geschichten von Ödipus und Antigone sind gleichermaßen familiär wie schicksalshaft miteinander verbunden, ist Antigone doch ebenso Tochter wie Schwester des Ödipus, der – allen Versuchen, sich zu entziehen zum Trotz – von einem Fluch eingeholt wird, seinen Vater tötet und mit seiner Mutter vier Kinder zeugt. Während Ödipus an der Vorbestimmtheit seiner Geschicke scheitert, gerät Antigone in Konflikt zwischen Staatsraison und Moral: Ihrem toten Bruder Polyneikes soll eine Bestattung verwehrt werden, da er in Theben als Staatsfeind angesehen wird. Antigone widersetzt sich den Weisungen ihres Onkels Kreon, dem König von Theben (seines Zeichens gleichzeitig Onkel und Schwager des Ödipus) und wird in der Folge selbst als Widersacherin des Staates verurteilt und bei lebendigem Leib eingemauert.
Rothenhäusler liest den politischen Konflikt von „Antigone“ als Folge der familiären Tragödie des „Ödipus“ und setzt beide Werke zu einem großen Drama zusammen. Die Textfassung von Jan Eichberg folgt inhaltlich Sophokles, wobei sie sein Werk in eine sehr rhythmische, gegenwärtige Sprache übersetzt. Rothenhäusler interessiert neben den allgemeingültigen Aspekten des Stoffes, den Themenkomplexen wie Schicksal und Schuld, vor allem die Frage nach dem individuellen Gestaltungsraum im Rahmen strenger politischer und familiärer Vorgaben.
Wie schon bei Mr. Robot setzt er dabei als Erzählweise auf das Prinzip der verdichteten Kommunikation. Die Zeit als sortierende Kraft wird ausgehebelt, alles komprimiert sich in einer Gleichzeitigkeit, wobei die Sphäre der griechischen Tragödie um die Dimension der Gegenwart erweitert wird. „So entsteht ein mythischer Raum der Antike, in dem alles verfügbar ist, was unsere gegenwärtige Realität ausmacht“, erklärt Akın Emanuel Şipal, der die Produktion als Dramaturg betreut. Dabei werde der Abend trotz des tragischen Stoffes auch viele komische Momente haben, dies habe jedoch nicht zur Folge, dass die Antike zertrümmert werde: „Wir nehmen den Stoff ernst, aber wir sehen auch den Aberwitz, der in der Verkettung von besten Absichten, Unwissenheit, Vorbestimmung und Missverständnissen mitschwingt.“
Felix Rothenhäusler wurde 1981 geboren. Nach einem Studium der Theater- und Medienwissenschaft in Bayreuth und Paris wechselte er für ein Regiestudium an die Theaterakademie Hamburg. Seit der Spielzeit 2012/13 ist er Hausregisseur im Schauspiel am Theater Bremen und brachte Romanvorlagen wie „Sickster“ von Thomas Melle und David Cronenbergs „Verzehrt (Consumed)“ zur Uraufführung. Gemeinsam mit Matthias Krieg erarbeitete er neben „Mr. Robot“ auch die beiden Cohen-Liederabende I’m Your Man und You Want It Darker In dieser Spielzeit wird Rothenhäusler nach „Le Nozze di Figaro“ (Spielzeit 2014/15) und „Werther“ (Spielzeit 2015/16) mit Strauss‘ Fledermaus auch wieder im Musiktheater inszenieren.

Und das sagt die Presse:

„[…] Auftritt Ensemble. Sieben auf einen Streich entern für 70 Minuten das Inselchen. Verlassen werden sie es erst für den kräftigen Schlussapplaus. […] Für Felix Rothenhäuslers pointierte Inszenierung „Ödipus/Antigone“ hat Jan Eichberg […] eine gewitzte Textfassung aus den ersten beiden Dramen der sogenannten Thebanischen Trilogie erstellt. Eine […] stark angefütterte Version, in der heutiger Alltagsjargon ebenso krass echot wie Lyrik des 20. Jahrhunderts. […] Der Filmemacher, der schon Rothenhäuslers rasante „Mr. Robot“- Adaption segensreich in Textform gebracht hat, kennt den Ping-Pong-Sound der Sitcom, den das vornehmlich statuarische Tableau wie beiläufig der Stichomythie der Sophokles-Verse an verwandelt. Handlungsstränge […] stellen sie rein theoretisch vor im vorzugsweise (und vorzüglich!) monotonen Singsang einer schrecklich telegenen Familie mit tollen tumben Blicken. […] Diese genüssliche Dekonstruktion von Sprechhandlungen treibt viel höheren Blödsinn hervor, stiftet aber auch Erkenntnisse. Das liegt auch an den grandiosen Gitarren-Interventionen, mit denen Matthias Krieg bald jeden Satz kommentiert, hinterfragt, ins Absurde steigert. […] Robin Sondermann […] vermag Ungeheuerlichkeiten so harmlos und bübisch, so jovial und mildernd zu intonieren, dass eben noch aufgerissene Abgründe binnen kurzer Zeit wieder verschwunden, ja perdu scheinen. […] Sehenswert, wie tragikomisch Rothenhäusler und sein Team dieses Diktum auslegen.“ (Hendrik Werner, Weser Kurier, 11.12.2017)




Unser Foto zeigt (vl): hinten: Verena Reichhardt, Annemaaike Bakker, Johannes Kühn, Robin Sondermann; vorne: Mirjam Rast, Bastian Hagen, Siegfried W. Maschek. Copyright: Jörg Landsberg.